Schafe, Rinder und Cañadas

arte 2013

Schafe, Rinder und Cañadas

Die großen Tierwanderungen Spaniens

Die Wanderschäferei, die trashumancia, ist eine uralte Tradition. Im Frühsommer, wenn weite Landschaften Zentral- und Südspaniens anfangen auszutrocknen, wird das Vieh über Hunderte von Kilometern in die niederschlagsreicheren Gebirge getrieben. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts mobilisierte die Wanderschäferei in Spanien jährlich über vier Millionen Schafe, Ziegen und Rinder. Eine dramatische Wende trat in den 1960er Jahren mit der EG-Agrarpolitik ein.

Die Wanderschäferei drohte gänzlich zu verschwinden. Und mit ihr viele naturnahe Kulturlandschaften, traditionelle Wirtschaftsformen sowie zahllose Wildtiere und Pflanzen. Die Folgen für Landschaft und Natur waren dramatisch. Geier, Wolf und Bär und viele andere Aasverwerter fanden nicht mehr genügend Nahrung. Seit den 1990er Jahren kämpfen Naturschützer und Hirtenvereinigungen für den Erhalt der Transhumanz. Schließlich erkannten auch Staat und Gesellschaft die kulturelle und naturschutzfachliche Bedeutung der Transhumanz für das Land und für Europa. Viele alte Wanderwege wurden wiederbelebt, die einstigen Cañadas Reales, die königlichen Wanderwege, wieder unter gesetzlichen Schutz gestellt. Ein Segen für die Natur: Heute kreisen wieder mehrere Tausend Geier über die Hochebenen und durch die Gebirge Spaniens. Doch wie fast alle traditionellen Landwirtschaftsformen weltweit, kämpft auch die Transhumanz ums Überleben. Gleichwohl ist die Lage nicht hoffnungslos, denn nicht nur Schäfer und Hirten haben diese alte Tradition wiederentdeckt, auch der Natur-Tourismus interessiert sich mehr und mehr für die Wanderschäferei. Denn hier findet man Ruhe, ein einfaches Leben und viel Natur im Herzen Spaniens, im alten Spanien, im eigentlichen Spanien. 
Der Film als Naturdokumentation mit Reportageelementen angelegt, spielt auf den Cañadas, den traditionellen Wanderwegen der Herden. Er erzählt vom Leben der Schafe und Rinder, der Hirten und Viehzüchter und von den Landschaften und der Natur, durch die sie ziehen. Etwa 20 Kilometer schafft eine Herde am Tag, Rinder mit Kälbern oft nur 15. Da wird die 300 bis 400 km lange Strecke von den Winter- zu den Sommerweiden zu einem Kräfte zehrenden, mehrere Wochen dauernden Marsch. Dabei durchstreifen die Herden eindrucksvolle Landschaften von Andalusien bis hinauf ins Cuenca-Gebirge, von der Extremadura bis in die Sierra de Gredos, eines der imposantesten Gebirge Spaniens. Die Wanderung ist steinig und oft entbehrungsreich, aber auch von einzigartigen Erlebnissen geprägt. Inmitten einer außergewöhnlichen Natur, wie sie in Europa immer seltener zu finden ist. Schließlich erreichen Hirten, Schafe und Rinder und nicht zuletzt die treuen Hirtenhunde ihr Ziel: die grünen Sommerweiden im Gebirge. Lange schon werden sie von ihren Familien erwartet, hier oben werden die traditionellen Hirtenfeste gefeiert. Man ist wieder zu Hause. Und die Tiere – sie ziehen für die nächsten Monate durch eine grenzenlos erscheinende Freiheit dieser Bergwelten.

Buch, Regie & Kamera: Heribert Schöller
Schnitt: 
Mücke Hano, Chiara Monte
Musik: Hannes Gill und das Filmmusik-Orchester der Kunstuni Graz
Länge: 45 Min. 
Produktion: 2012-13 für  hr, arte
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International: Sheep, Cattle and Cañadas - The great Animal Migration of Spain
Länge: 52 Min.
Weltvertrieb: Global Screen-Telepool 2015